Neue Denkfabriken sind in den letzten Jahren entstanden und haben sich als fixe Akteure in der politischen Arena etabliert. Als Form der Politikberatung sind Think Tanks nicht neu – neu ist allerdings die nun starke Fokussierung auf Kommunikationsfähigkeit. Sie spielen so zunehmend eine einflussreiche Rolle in der Gestaltung der öffentlichen Meinung. Kommt es zu einer „Think Tankisierung“ der Politik?
Vor kurzem erregte die Österreichische Ärztekammer mit dem Vorhaben Aufmerksamkeit, einen Think Tank namens „Med in Austria“ zu gründen. Beachtlich ist dabei weniger, dass eine Institution wie die Ärztekammer einen Think Tank initialisieren möchte – immerhin ist sie die Standesvertretung von 52.000 aktiven Ärztinnen und Ärzten (Stand 15. Juni 2026). Beachtlich ist viel mehr, wie sehr ein Projekt noch vor dem Beginn kommunikativ fehlstarten kann, sollen Think Tanks heutzutage doch zuvordererst eine kommunikative Aufgabe erfüllen.
Wie kam es so weit? Nicht die Ärztekammer selbst hatte das Vorhaben verkündet, sondern das Magazin Profil hatte das Projekt „aufgedeckt“. Titel: „Operation Lobbying“.
Für die Ärztekammer ist es ein „unabhängiger Think Tank“, um die „Zukunft der Gesundheitsversorgung evidenzbasiert mitzugestalten“ und somit ein legitimes Vorhaben. Dennoch waren eine ruchbare Tonalität und das klandestine Framing bereits gesetzt. Think Tanks seien ein verstecktes Lobbyinginstrument, besonders dieser. Er sei eine Reaktion der Ärztekammer auf ihre schwindende Macht und schmerzhafte Lobbyingniederlagen (Stw. Impfen in Apotheken oder der Verlust des Vetorechts bei der Errichtung von Primärversorgungszentren). Die Legitimität und Glaubwürdigkeit von „Med in Austria“ ist mehr als angezählt, bevor seine Arbeit noch gestartet hat.
Think Tank ist nicht gleich Think Tank
Think Tanks (auch Denkfabriken oder Ideenschmieden) sind nicht neu – in Österreich nicht und international schon gar nicht. In den USA entstanden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Think Tanks, die bis heute tätig und bekannt sind (z.B. Brookings Institution, Council on Foreign Relations). In der EU-Politik hat das 1983 gegründete Centre for European Policy Studies einen fixen Platz. In Österreich haben sich solche Institutionen zwar etwas später etabliert, sind aber mittlerweile ebenso ein fixer Bestandteil bei der Debatte zu fachpolitischen Themen. Rückblickend seien vor allem Think Tanks des Bereichs Wirtschaftsforschung oder Außen- und Sicherheitspolitik erwähnt.
Hintergrundwissen zu Think Tanks
Was ist überhaupt ein Think Tank?
Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages (2021, Ausarbeitung „Think Tanks – ein internationaler Vergleich) erkennt folgende Charakteristika von Think Tanks: eine dauerhafte Struktur, er sei auf Politik ausgerichtet und auf die öffentlichkeitswirksame Verbreitung seiner Inhalte.
„Think tanks are public-policy research analysis and engagement organizations that generate policy-oriented research, analysis, and advice on domestic and international issues, thereby enabling policy makers and the public to make informed decisions about public policy. Think tanks may be affiliated or independent institutions that are structured as permanent bodies, not ad hoc commissions“ (McGann 2017, zit. nach Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages, 2021).
Wer hat’s erfunden? Die Amerikaner!
Die Ursprünge von Think Tanks liegen bereits früh im 20. Jahrhundert. So entstanden das Carnegie Endowment für International Peace 1910, Brookings Institution 1916, Council on Foreign Relation 1921 bzw. nach dem zweiten Weltkrieg weitere Institutionen wie die Rand Corporation oder Heritage Foundation.
In Europa entstand das Centre for European Policy Studies / CEPS 1983.
Öffentliche Wirksamkeit als Wesensmerkmal
Zwar wird der Begriff Think Tank mitunter unterschiedlich verwendet, in Anlehnung an die US-amerikanischen Vorbilder ist die Öffentlichkeitsarbeit ein zentrales Merkmal.
„Zum Wesen dieses Typs von Institutionen gehört es, Ideen als
Produkte zu entwickeln, sie in der Öffentlichkeit zu verbreiten und im Sinne einer strategischen Kommunikation einer bestimmten Klientel zur Verfügung zu stellen“ (Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages, 2021, S.4).
Akademische Think Tanks
Sie können ein breites Spektrum abbilden oder sich auf einzelnen Fachthemen spezialisieren. Sie arbeiten wissenschaftlich, veröffentlichen ihre Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften und sind akademisch anerkannt. Sie dienen als Brücke zwischen Wissenschaft und Politik. Dazu zählen z.B. die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) oder die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).
Think Tanks im Rahmen der Auftragsforschung
Sie orientieren ihre Forschung an ihren politischen Auftraggebern und dienen – meist Regierungsbehörden oder Ministerien – als Berater. Sie erarbeiten dennoch objektive und quantitative Analysen, jedoch werden ihre Ergebnisse meist nicht veröffentlicht.
Advokatische Think Tanks (auch interessennahe Think Tanks)
Sie sind stark interessengeleitete bzw. ideologische Organisationen mit einer klaren politisch-ideologischen Ausrichtung. Sie verfolgen das Ziel, gewisse politische Positionen zu fördern und voranzubringen.
Dazu zählen das Cato–Institute (USA) oder die politischen Stiftungen in Deutschland (Konrad Adenauer–Stiftung der CDU, Friedrich Ebert–Stiftung der SPD, Hanns Seidel-Stifung der CSU, Friedrich Naumann–Stiftung der FDP, Heinrich Böll–Stiftung der Grünen oder die Rosa Luxemburg-Stiftung der Linken).
Think Tanks als Politikunternehmen
Bei ihnen nimmt die Vermarktung ihrer Ideen einen zentralen Stellenwert ein. Sie produzieren hauptsächlich kurze Analysen und konzentrieren sich auf aktuelle (innen-)politische Themen oder konkrete Gesetzes vorhaben. Dazu zählen z.B. die Heritage Foundation, die mit ihrem „Project 2025“ über die USA hinaus für Aufsehen sorgte, mit dem sie die zweite Amtszeit Donald Trumps sowohl programmatisch als auch organisatorisch vorbereitet hatte.
Woher kommt dann also die Wahrnehmung, dass Denkfabriken etwas Neues in der Politik sind?
Zum einen tauchen Think Tanks immer öfter als Berater oder Begleiter in und um die österreichische Spitzenpolitik auf. Am bekanntesten war wohl „Think Austria“, der 2017 vom damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz als Stabstelle im Bundeskanzler eingericht worden war. Aber auch der damalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache hatte kurz einen Think Tank namens „Denkwerk Zukunftsreich„. Zur Einordnung muss vollständigkeitshalber erwähnt sein, dass Think Austria lediglich sechs Mitarbeiter:innen zählte und „Denkwerk Zukunftsreich“ mit einem Angestellten auskam.
Letzten Dezember hatte auch Ex-Außenminister Alexander Schallenberg seinen außenpolitischen Think Tank verkündet. Auf der Website von Europe’s Future Initiative findet sich aktuell erst ein Mission Statement (Stand 15. Juni 2026) – eine nähere Beschreibung und Einordnung ist daher noch nicht möglich.
Zum anderen sind sog. advokatische Think Tanks oder Politikunternehmen entstanden und sie nehmen eine deutlich wahrnehmbare Rolle in der Öffentlichkeit ein – mitunter auch in der (partei-)politischen Kontroverse. Agenda Austria (2013), Momentum Institut (2019), Oecolution* (2022), Kontext (2024) oder Med in Austria (tbd) sind vergleichsweise junge Erscheinungen, aber aus dem politischen Diskurs in Österreich nicht mehr wegzudenken.
Talkshow statt Symposium
Die neuen Denkfabriken sind auf digitale und mediale Kommunikation ausgerichtet. Bühne und Sprechfähigkeit sind ebenso wichtig wie die schnelle Vervielfachung der Inhalte. Kurzum: speakability und shareability.
Darum stehen meistens die Aufbereitung der Inhalte und Verbreitung der daraus abgeleiteten Botschaften im Vordergrund – als Kurzvideos, Grafiken und Animationen, in Podcasts, Community-Abenden, Gastkommentaren und -kolumnen, via Medieninterviews oder in öffentlichen Diskussion. Diese Think Tanks bespielen die Klaviatur der modernen Kommunikation gekonnt.
Die Grenzen und Übergänge sind fließend – zwischen advokatischen Denkfabriken, Politikunternehmen (gem. Definition – siehe Box „Hintergrundwissen“) und reinen Politik-Influencern, die sich aus Gründen der (medialen) Positionierung zwar auch Think Tanks nennen, aber selbst gar keine Policy-Inhalte erstellen.
Das Aufkommen vor allem dieser Arten von Denkfabriken ist eine Reaktion auf die neuen Kommunikationsrealitäten – vor allem in der zunehmend polarisierten politischen Öffentlichkeit. Zum einen fehlen schlicht übergreifende Plattformen zur Meinungsbildung bei Fachthemen, auf der auch Evidenz berücksichtigt werden kann. Zum anderen gibt es die Nachfrage nach leicht verdaulicher Politikkommunikation. Eine Vielzahl an Politik- und Nachrichtenformaten in öffentlich-rechtlichen, privaten und eigenen (owned) Medien verlangen nach sprechfähigen Kommunikatoren und Kommunikatorinnen. In den digitalen Netzwerkmedien werden Inhalte ohnehin snippetartiger und grenzenloser konsumiert. Message statt Fachsprache.
Glaubwürdigkeit ist ausschlaggebend
Zurück zu Think Tanks oder Denkfabriken als echtes Politikberatungsinstrument – und einem Plädoyer dafür.
Es sind nicht zwangsläufig Think Tanks, auch nicht advokatische, die zur Polarisierung und Blasenbildung beitragen. Aktivistische NGOs, Influencer, parteieigene Medien (Stichwort owned media) und Spindoktoren sind noch viel mehr Ausdruck der neuen Kommunikationsrealität, in der politische und öffentliche Meinungsbildung stattfinden muss.
Für Think Tanks gilt daher: credibility matters! Selbst klar ideologische Denkfabriken sind auf ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit und Akzeptanz angewiesen, will man nicht als spin doctoring-Maschine wahrgenommen werden. Think Tanks haben die Rolle, einen argumentativen Diskurs zu führen. Und darin kann sehrwohl ein Mehrwert für eine deliberative Demokratie und eine evidenzbasierte politische Entscheidungsfindung liegen.
Gerade in dieser segmentierten und polarisierten Öffentlichkeit ist alles gut, was einen Themendiskurs ermöglicht. Oder anders gesagt: Was ist schlecht am Wettstreit der Ideen mit Argumenten und Fakten?
*Hinweis: Kurz nach Veröffentlichung des Blogbeitrages wurde verkündet, dass der Think Tank oecolution seine Tätigkeit einstellt.




