Die letzten Umfragedaten zeigen ein wenig erfreuliches Bild für die (regierenden) Traditionsparteien ÖVP und SPÖ. Das hat weniger mit Performance als mit Demografie zu tun .
In den letzten drei Umfragen kommen sie bei der klassischen Sonntagsfrage auf 19 bis 20% (ÖVP) und 18% (SPÖ) (siehe APA-Wahltrend, Stand: 22. Jänner 2026). Ebenso wenig den politischen Beobachter das Umfragetief regierender Parteien überrascht, so vorhersehbar ist die öffentliche Reaktion. Es wird über das Spitzenpersonal diskutiert (Stw. Obmann-/-frau-Debatte), die schwierigen Rahmenbedingungen für Regierende erklärt (mit einer Budgetkonsolidierung gewinne man keinen Beliebtheitsbewerb) sowie auf den allgemeinen Aufschwung der (neuen) Rechtsparteien verwiesen (MAGA, UK Reform, Rassemblement National, Fratelli D’italia und AfD seien keine Einzelphänomene mehr).
So plausibel es ist, die Gründe für ein Umfragetief (oder -hoch) in der „Performance“ der Parteien und ihres Spitzenpersonal zu suchen, findet man die Gründe nicht eher in der schlichten Demografie?

Aktueller APA-Wahltrend (Stand 26.1.2026)
Rund 400.000 „Altwähler“ weniger bis 2029
Im Vergleich nur Nationalratswahl 1983 haben SPÖ und ÖVP zusammengerechnet ca. 2 Millionen Wählerinnen und Wähler weniger (SPÖ: -1,28 Mio., ÖVP: -0,815 Mio.). Im gleichen Zeitraum gab es in Österreich 3,3 Millionen Todesfälle. Ohne sich weit aus dem Fenster zu lehnen, es handelte sich wohl großteils um Menschen aus der älteren Altersgruppe (somit Wahlberechtigte) und weniger „mobile“ Wählerinnen. Oder anders gesagt, eher Stamm- als Wechselwählerinnen.
Bis zur nächsten (regulären) Nationalratswahl im Jahr 2029 werden weitere 375.000 bis 400.000 Menschen in Österreich gestorben sein – geht man von ca. 75.000 bis 80.000 Todesfälle pro Jahr aus. Das Basislevel an (Stamm)Wählern für die Traditionsparteien verringert sich also weiter.
Wollen sie ihre Ergebnisse von 2024 auch nur halten, müssen sie also neue Wähler und Wählerinnen dazugewinnen, um einen der Demografie inhärenten Verlust zu kompensieren. Das ist tatsächlich herausfordernd, ein nächstes „historische Tief“ liegt in der Luft.
| Jahr | SPÖ (Stimmen) | ÖVP (Stimmen) | Stimmenanteil, gemeinsam |
|---|---|---|---|
| 1983 | 2.312.529 | 2.097.808 | ca. 91,1 % |
| (2008) | (1.429.621) | (1.269.656) | ca. 55,3 % |
| 2024 | 1.032.233 | 1.282.734 | ca. 47,7 % |
| – 1,28 Mio. | – 815 Tausend |
| Wahlperiode | Todesfälle |
|---|---|
| 1983 bis 1986 | ca. 268.000 |
| 1986 bis 1990 | ca. 340.000 |
| 1990 bis 1994 | ca. 332.000 |
| 1994 bis 1995 | ca. 81.000 |
| 1995 bis 1999 | ca. 315.000 |
| 1999 bis 2002 | ca. 231.000 |
| 2002 bis 2006 | ca. 299.000 |
| 2006 bis 2008 | ca. 149.000 |
| 2008 bis 2013 | ca. 385.000 |
| 2013 bis 2017 | ca. 320.000 |
| 2017 bis 2019 | ca. 167.000 |
| 2019 bis 2024 | ca. 455.000 |
| Gesamt: | ca. 3,3 bis 3,4 Mio. |
Mehrheit 60+ lag 2024 bei der ÖVP
„Den Jungen gehört die Zukunft, uns Alten gehört die Mehrheit“ – dieses Zitat ist eine beliebte Zuspitzung der Dominanz der Altersgruppe 60+ in der Wählerschaft. Es wird oft herangezogen, um die Alltagsrealität bei politischen Entscheidungen zu erklären. Die Aussage wird dem ehemaligen Nationalratspräsidenten und ÖVP-Klubobmann Andreas Khol nachgesagt und ist mittlerweile polit-historischer Kult. Ob sie je so gefallen und gemeint war, ist dann schon zweitrangig.
Bei der Nationalratswahl 2024 waren die Wähler:innen 60+ (noch) nicht die Mehrheitsbringer. Die stimmenstärkste Partei gesamt (FPÖ 28,8%) war nicht die stimmenstärkste Partei bei den über 60-Jährigen. Mit 38% hatte die ÖVP die Mehrheit und lag damit 11,8% (!) über ihrem Gesamtergebnis. Die SPÖ lag noch knapp auf Platz 2 mit 24% (2,9% über ihrem Gesamtergebnis), vor der FPÖ mit 22% (6,8% unter ihrem Gesamtergebnis).
Schon in der folgenden Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen lag die FPÖ jedoch mit 37% weit vor SPÖ (20%) und ÖVP (19%). Zugegeben ist das eine sehr breit gefasst Altersgruppe, dennoch werden die damals 55-Jährigen bei der nächsten Nationalratswahl 2029 statistisch zur Altersgruppe der über 60-Jährigen gezählt. (Zahlen siehe Statista/Nachwahlbefragung sowie BMI/Endgültiges Endergebnis)
Die neuen 60+-Wählerinnen
Statistisch gesehen gewinnt diese Aussage Andreas Khols zweifelsohne an Relevanz, denn: mit dem Erreichen des Pensionsalters der Babyboomer-Generation wird die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler 60+ noch deutlicher. Wer bei Wahlen erfolgreich sein will, kommt um diese Altersgruppe nicht mehr herum. Was heißt das für Themensetzung, Kommunikation und Struktur der Parteien?

Bundeskanzler Bruno Kreisky 1983 (Bild: Votava /SPÖ Presse und Kommunikation, via Wikimedia commons)
Auf jeden Fall müssen die Parteistrategien überprüft werden, denn die künftige Gruppe 60+ tickt (und wählt) nicht mehr so traditionell, wie man es den bisherigen Pensionistinnen und Pensionisten nachsagt.
Das veranschaulicht das Beispiel einer heute 60-Jährigen (Geburtsjahr 1965). Sie war erstmals bei einer Nationalratswahl 1983 wahlberechtigt. Just bei dieser Wahl endete die Zeit der absoluten Mehrheitsregierung in Österreich und die weiteren Jahre, in der sie seither ihr aktives Wahlrecht ausübte, waren von einem tiefgreifenden innenpolitischen Wandel geprägt. Nur beispielhaft sind die Neuausrichtung der FPÖ ab Mitte der 1986 bis zur Erlangungen der Stimmenmehrheit bei der Nationalratswahl 2024 erwähnt, oder die Segmentierung der Parteienlandschaft mit dem Einzug der Grünen 1986 sowie NEOS 2013, der Beitritt zur Europäischen Union, usw.
Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen seien zum Drüberstreuen nur einmal mitgedacht.
FPÖ: Strukturell weniger Stammwähler, Rückstand bei 60+
Wird die demografische Entwicklung die FPÖ automatisch zum Wahlsieg führen? Eine Stärkung im Segment der Wähler:innen 60+ ist durchaus erwartbar (wie oben argumentiert), aber eher durch die allgemeine Themenlage. Die FPÖ hatte bei den Wähler:innen über 60 Jahren 2024 einen Rückstand zur ÖVP von 16% – und das bei ihrer historisch erfolgreichsten Wahl. Alleine durch die Demografie lässt sich dieser Rückstand nicht wettmachen.
Außerdem ist die Gruppe der Stammwähler der FPÖ kleiner. Lediglich 3% der FPÖ-Wähler gaben 2024 an, „immer so zu wählen“ (Frage nach dem Hauptmotiv, siehe orf.at). Das bedeutete das neunwichtigste Motiv – immerhin einen Platz vor dem „Spitzenkandidaten“ (2%) als Hauptgrund. Bei den ÖVP-Wähler:innen war „immer so zu wählen“ das drittstärkste Hauptwahlmotiv (14%), bei der SPÖ sogar das zweitstärkste (18%).

Für 3% der FPÖ-Wähler war „wähle immer diese Partei“ das Hauptwahlmotiv
Diese Überlegungen und Berechnungen sind – zugegeben – theoretischer Natur. Nichtsdestotrotz gilt: es lohnt sich in der Analyse und Bewertung einen näheren Blick auf die Demografie zu werfen.
Disclaimer: Die Tabellen und Berechnungen wurden mithilfe von KI-Werkzeugen ausgearbeitet. Eine detaillierte Quellenangabe entfällt. Prompts und eingesetzte Tools werden bei Interesse gerne preisgegeben.
