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Interview von Influencer LeFloid mit Bundeskanzlerin Merkel 2015 (Screenshot Youtube)

Podcasts und Politik (2): Ungefiltert statt ungeskripted

Mittlerweile setzen alle etablierten Parteien in ihrer politischen Kommunikation auf Podcasts, allerdings: in Österreich (und Deutschland) passiert das wenig über sog. independent Formate oder auf den Kanälen der Influencer. In der Gestalt des Polit-Talks ist er fixer Bestandteil des Unterhaltungsgenres geworden, ebenso wie Podcasts (im Sinne von episodisch produzierten Audioprogrammen) fixer Teil der „owned media“-Strategie der Parteien geworden sind.

Die Rolle von Podcasts für die Politik unterscheidet sich in Österreich von den USA – dort eine sog. „messaging necessity“ zu Influencer zu gehen, hierzulande Distributionskanal für klassische redaktionelle Formate (mehr dazu im ersten Blogbeitrag zu Podcasts und Politik). Aber das Prinzip hat sich auch hier durchgesetzt, mit Gesprächsformaten abseits der klassischen Interviews Nähe und Authentizität zu Politikerinnen und Politikern zu schaffen und über eigene Kanäle die eigenen Botschaften ungefiltert an die Zielgruppe zu richten.

Politik als Teil der Unterhaltung. Unterhaltung als Teil der Politik

Politik dringt in Unterhaltungsformate vor bzw. umgekehrt – dieser generelle Trend ist seit Jahrezehnten nicht zu übersehen. Warum ist einfach erklärt: Einerseits haben Unterhaltungsredaktionen den professionaliserten, auf Medienlogiken ausgerichteten Politikapparat als (guten) Content-Lieferanten entdeckt. Besonders gut zu sehen ist das bei Satire-Formaten wie Gute Nacht Österreich , ZDF Heute Show oder die Tagespresse. Sie finden im polit-medialen Betrieb pausenlos Anlässe, um sich satirische, persiflierend und kritisch anzuhängen (Medienauftritte, Presseaussendungen, Wahlveranstaltungen und Parteitage).

Andererseits setzt die professionalisierte Politik selbstverständlich auf reichweitenstarke, etablierte Unterhaltungsformate wie auch auf Unteraltungselemente in der Eigenkommunikation, um zu ihren Wählerinnen und Wählern durchzudringen.

Das trifft auch auf den politischen Talk zu. So überrascht es nicht, dass das Unterhaltungsformat „Ö3 Frühstück bei mir“ auch Spitzenpolitikerinnen fix zu Gast hat (siehe „20 Jahre Frühstück bei mir“: Politgäste). Bereits die allererste Folge 1997 war mit dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima. Bis heute ließ sich kaum ein Spitzenpolitiker diese Auftrittmöglichkeit entgehen, immerhin erreicht der Radiosender Ö3 täglich 2,4 Millionen Menschen in Österreich, hat 670.000 Follower:innen auf Instagram und 255.000 auf Facebook (siehe ORF-Meldung zum Radiotest 2024).

„Frühstück bei mir“-Moderatorin Claudia Stöckl mit Bundeskanzler Viktor Klima, 1997. (Bild: Ö3)

In Deutschland hat sich – neben den etablierten Talk-Sendungen am Abend – in den letzten Jahren tatsächlich auch ein Podcast herauskristallisiert, der auch für Spitzenpolitikerinnen und -politiker zum Pflichtprogramm geworden ist: „Alles Gesagt?“ von Zeitonline. Die Besonderheit dabei ist, dass der Podcast weitgehend auf ein redaktionelles Skript verzichtet. Er gibt zwar Moderatoren und einige fixe Elemente in der Sendung, aber von der Dauer/Länge ist er offen. Und es ist zwar kein Politik-Podcast, das Lineup an Politikerinnen und Politiker ist aber beeindruckend.

Politik und Influencer

In den letzten Jahren gab es aber durchaus ein paar interessante Versuche in der politischen Kommunikation in/mit neuen Formaten. Nur ganz kurz soll noch einmal der kürzestzeitige Hype um Clubhouse erwähnt sein – die Social Audio App, die 2021 für ein paar Wochen die Zukunft des politischen Dialogs online zu sein schien, aber sehr schnell wieder völlig an Relevanz verlor (ein paar Gedanken habe ich damals dazu im ÖPAV-Blog verfasst).

Schon erwähnenswerter ist das Interview des Youtubers LeFloid mit der damaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015, hinter dem die Frage stand: wie erreicht man als Politikerin die junge Zielgruppe? Das Format war ein klassisches, altes Interview, wegen der Reichweite in die junge Zielgruppe aber wegweisend. Und so setzt die professionelle politische Kommunikation heute nicht nur selbstverständlich auf soziale Medien, sondern immer wieder auch auf Kooperationen mit Influencern (ein paar Beispiele werden im Profil-Beitrag „Die Influencer der Regierung“ genannt).

Was man (offenbar) gelernt hat, nicht klassische Polit-Formate in die neuen digitalen Kanäle reinzukippen, sondern an die Logik der jeweiligen Plattform anzupassen – z.B. als unterhaltsame und popkulturelle Kurzvideos auf TikTok, Youtube, Instagram, usw.

Owned, owned, owned media

Abseits von gelegentlichen Gastauftritten bei Youtubern aufgrund deren Reichweitenrelevanz oder bezahlten Kooperationen mit Influencern hat sich in den letzten Jahren vor allem eine Strategie bei den politischen Parteien durchgesetzt, nämlich der Aufbau eigener Kommunikations- und Medienkanäle. Kurzum: owned media.

FPÖ TV auf Youtube (Screenshot 28.4.25)

Das reicht von eigenen Nachrichtenseiten (kontrast.at – SPÖ, zursache.at – ÖVP, materie.at – NEOS, Freda Magazin – Grüne) bis zum Kanal für die eigenen Videos (FPÖ TV) – darauf näher einzugehen, bräuchte einen eigenen Blogbeitrag.

Podcasts sind eindeutig ein Teil dieser Owned Media-Strategie. Manchmal werden/wurden klassische Gesprächspodcasts betrieben, manchmal werden redaktionell gestaltete Radioformate über die Podcasttechnologie verbreitet – wobei hier die Grenze zu redaktionellen TV-Formaten verschwimmt.

Parteipolitische Podcasts: viele Versuche, wenige dauerhaft

Podcasts sind sicherlich nicht das verbreiteste Format der politischen Kommunikation der Parteien. Bei etwas Recherche erstaunt es aber, wie viele Podcast-Versuche mittlerweile unternommen werden bzw. worden sind.

Hier eine Sammlung an Podcasts der politischen Parteien in Österreich (kein Anspruch auf Vollständkeit).

Bei der FPÖ sind zwei Podcast-Schienen erkennbar. Der FPÖ Klubcast und „Giuliani im Gespräch„.

Unter dem FPÖ Klubcast finden sich unterschiedliche Formate. „Politik aktuell“ sind kurze Nachrichtenbeiträge zu einem tagesaktuellen Thema, die von einem Moderator erzählt und mit O-Tönen untermauert werden. Bei „Die blaue Viertelstunde“ / „Die blaue halbe Stunde“ werden unterschiedliche freiheitliche Politiker und Politikerinnen interviewt. Nach der Nationalratswahl wurden auch die neuen Nationalratsabgeordneten in einzelnen Folgen vorgestellt. Der erste Podcast wurde am 14. März 2023 online gestellt und mittlerweile finden sich 323 Folgen auf der Seite.

Seit 2023 gibt es das Podcastformat „Giuliani im Gespräch„. Die ehemalige ORF-Moderatorin Marie Christine Giuliani spricht mit (externen) Gästen über politische Themen abseits der Tagespolitik (Neutralität, Impfungen, Überwachung, usw.). Die neuen Folgen sind mittlerweile auf FPÖ TV (als Video-Beiträge), wo die Moderatorin auch weitere Formate macht („Freisprech-TV“).

Nach der geschlagenen Nationalratswahl im Oktober 2024 startete der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer mit einem Podcast: Karl, wie geht’s?„. Die erste Folge ging am 1. Dezember online – zur Zeit der ersten Regierungsverhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS. Nach nur vier Folgen war am 6. Jänner 2025 Schluss.

Seit 2019 gibt es den Podcast „Grundsatz“ von campus tivoli (ÖVP Akademie), mit dem die Bildungsarbeit der Akademie auch in den audio-digitalen Bereich erweitert wird. Bis dato sind 48 Folgen „on air“ gegangen.

Des weiteren hatte z.B. die Steirische Volkspartei („Stimmrecht„, 2020-24) oder auch die JVP („Junge ÖVP Podcast“, 2018-19) Podcast-Versuche unternommen.

Von der Bundes SPÖ oder des SPÖ Klubs im Parlament ist kein Podcast auffindbar.

Der offizielle Youtube Channel „SPÖ – Die Sozialdemokratie“ wird offenbar nicht mehr betrieben und auch auf der SPÖ-Website nicht verlinkt. Das letzte Video auf Youtube ist vom 9. Jänner 2025, in dem Andreas Babler das Aus der ersten Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP und NEOS aus seiner Sicht erklärt.

Über Google findet man noch ein weitere (alte) Podcasts: „Talking Red“ (SPÖ Steiermark, Podcast seit 2021, letzte Folge von Oktober 2024; oder „KOMPASS“ – Podcast von und mit Peter Kaiser (SPÖ Landeshauptmann von Kärnten, letze Folge von 2022).

Besonders hervorzuheben: ein SPÖ-Podcast mit aktuellen Folgen ist doch auffindbar. „Griaß‘ di Klaus von der SPÖ Rottenmann gibt es seit 14. Februar und bislang (28.4.) wurden fünf Folgen veröffentlicht. Dieser Podcast ist deshalb interessant, weil dieses Format/Medium auf kommunaler Ebene eine Seltenheit ist (Anmerkung: Rottenmann hat rund 5.000 Einwohner:innen bzw. 4.000 Wahlberechtigte).

NEOS sind mit einem Podcast-Versuch ins Wahljahr 2024 gestartet: „Was gemeinsam geht. In den Podcastfolgen ist Parteichefin Beate Meinl-Reisinger mit Persönlichkeiten im Gespräch, die (meist) nicht aus dem NEOS-Parteienspektrum kommen (z.B. Heinz Fischer, Maria Rauch-Kallat, Christian Kern, Heide Schmid, Othmar Karas, Andreas Treichl, Barbara Blaha). Von Februar bis Juni 2024 sind neun Folgen erschienen.

Im Jahr 2024 wurden von NEOS weitere Podcasts initiiert: Im Sommer 2024 haben sie Kandidatinnen und -kandidaten für die Nationalratswahl einzeln im Podcast „NEOS Sommergespräche“ interviewt – 17 Folgen im August/September 2024.

Schon seit 2021 gibt es den Podcast „Exklusiv INKLUSIV“ von NAbg. und Behindertensprecherin Fiona Fiedler – 36 Folgen bislang, heuer gab es zwei Folgen im Februar und März. Von Mai 2023 bis Juni 2024 gab es zudem den Podcast „UNGEFILTERT von Yannick Shetty.

Von den Grünen ist auf Bundesebene kein Podcast bekannt. Der Youtube-Channel wird regelmäßig zum Live-Streaming verwendet. Die letzten Videos-Beiträge sind zwar von November 2024, aber vor allem Shorts werden regelmäßig und aktuell gemacht.

Ansonsten gib/gab es Podcasts der Grünen Steiermark („Hintergründig„), den Podcast der Grünen Wirtschaft (letzte Folge von November 2024) oder auch einen Podcasts der Grünen in Purkersdorf (grünzeugs).

Bei den Parteien ist der owned media-Trend klar erkennbar. Allerdings ist die Rolle von Podcasts unterschiedlich. Auffallend ist, dass viele Podcasts rund um das Wahljahr 2024 ausprobiert bzw. Podcast-Projekte nach der Nationalratswahl wieder eingestellt wurden. Nur einige-Podcasts scheinen dauerhaft einen Platz in der politischen Kommunikation der Parteien gefunden zu haben.

Podcasts in der Gemeindepolitik: Warum nicht?

Sehr spannend sind Podcasts auf kommunaler Ebene. Es sind zwar aktuell noch wenige, aber die Überlegung dahinter plausibel. Die Podcast-Infrastruktur ist verfügbar, niederschwellig und kostengünstig – warum Nähe und Authentizität neben dem klassischen Bürgerkontakt nicht auch mit einem Podcast-Talk als Ergänzung vermitteln? Die Vorteile des ungefilterten owned media-Prinzips gelten auch für die Gemeindepolitik. Und Informationen über Sitzungen und Beschlüsse auf der Tonspur zu vermitteln (und einzuordnen), ist zumindest eine Überlegung wert.